Weidesaison

Die Weidesaison – Fluch oder Segen?

Ein Thema, das jedes Jahr mit den ersten warmen Tagen wieder hochkommt: die Weidesaison.

Für viele Pferde bedeutet das endlich mehr Freiheit, frisches Gras, Sonne und Bewegung. Klingt traumhaft – ist es auch. Aber wie so oft steckt der Teufel im Detail. Denn es gibt auch Risiken, die gern unterschätzt werden – und Managementfehler, die man leicht vermeiden kann.

In diesem Artikel erfährst du, was ich an der Weidesaison liebe, was mir dabei immer wieder negativ auffällt oder mich beunruhigt – und gebe dir praktische Tipps, wie du die Weidesaison sicher und pferdegerecht gestaltest.

Lieber hören als lesen? Gibt´s hier:

Was ich an der Weidesaison liebe

Also, ich geb’s zu – es ist ein bisschen ambivalent. Viele Menschen freuen sich total, wenn ihre Pferde voller Energie auf die Weide stürmen und durch die Gegend bocken, als wären sie drei Jahre alt.

Ich denk mir dann ehrlich gesagt eher: „Oh je, wie sehr hat ihnen das vorher gefehlt?“

Aber genau das ist der Punkt: Auf der Weide können Pferde endlich wieder Pferd sein. Sie haben Platz, sie dürfen sich mehr bewegen, mehr draußen sein, mehr miteinander sein.

Gerade in der Weidesaison gibt’s oft größere Gruppen, mehr Sozialkontakt, mehr Abwechslung. Und das tut ihnen gut – körperlich und mental.

Viele Pferde wirken auf der Weide einfach entspannter, zufriedener. Sie können sich ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechend bewegen und beschäftigen.

Und: Große Weideflächen bedeuten mehr zu entdecken – nicht nur Futter, sondern auch Gerüche, andere Tiere, wechselnde Witterung. Das ist pures Umwelttraining, jeden Tag. Es sei denn, Flächengestaltung ist gut gemacht.

Noch schöner als das finde ich übrigens, wenn Pferde das ganze Jahr über diese Möglichkeiten haben – aber dazu später noch mehr.

Kommen wir zur Kehrseite: Die Gefahren & Tücken der Weidezeit

Wie das so ist – wo Licht ist, ist auch Schatten. Oder eben auch: kein Schatten.

Genau da sind wir schon bei einem Thema: fehlende Unterstände, Rückzugsorte oder Schatten auf der Weide. Pferde können sich nicht einfach ins klimatisierte Wohnzimmer zurückziehen.

Ohne Schutz vor Sonne, Wind oder Starkregen stehen viele Pferde stunden- oder tagelang auf offenem Feld. Überhitzung, Kreislaufprobleme, Stress durch Insekten – all das sehe ich viel zu häufig, jeden Tag. Mein eigenes Pferd verkriecht sich momentan den ganzen Tag über in die hinterste Ecke des schattigen Unterstands und geht nur nachts und in den kühleren Stunden des Tages aufs Gras. Bei ihm kann ich den Kreislauf schwinden sehen, wenn er sich nicht aus der Sonne zurückziehen kann.

Und das bringt uns direkt zum nächsten Punkt: Fliegenschutz.

Fliegenmasken und -decken sind hilfreich, aber bitte: achtet auf Passform und Hitzestau!
Die Maske sollte nicht auf dem Auge aufliegen, die Decke muss gut belüftet sein.

Ganz wichtig: Dicke Pferde schwitzen nicht!
Denn Fett isoliert. Wusstest du, dass Pferde bis zu 10x schneller als wir Menschen überhitzen? Und wenn sie dann durch die Fettschicht nicht mal schwitzen (und dann eventuell auch noch in der Sonne stark gearbeitet werden, weil „der hat nicht mal ein nasses Haar!“), kann es schnell gefährlich werden. Aber zurück zur Fliegendecke:

Hier hilft nur eins: rektal Fieber messen. Klingt nicht glamourös, ist aber ehrlich.

Dann das Thema Wasser – klingt banal, ist es aber nicht. Gerade in großen Eimern oder Tonnen kippt Wasser bei Hitze sehr schnell um. So geht es schnell, dass die Pferde entweder verdrecktes Wasser trinken – oder gar nichts. Beides ist keine gute Option. Vor allem nicht in Kombination mit fehlendem Schatten oder Übergewicht. Du siehst, hier schließt sich der Kreis.

Giftpflanzen sind auch so ein Dauerbrenner. Der Mythos „Pferde fressen das schon nicht“ hält sich wacker, ist aber schlicht gefährlich. Vor allem, wenn das Futterangebot knapp ist, passiert es durchaus, dass Pferde an Giftpflanzen nagen. Manch ein Pferd frisst von Zeit zu Zeit auch gerne Bitterkräuter – und kann sich dann auch mal in der Pflanze vertun. Es ist also, wie immer im Leben, nicht pauschal auszuschließen, dass ein Pferd nicht doch mal an eine Giftpflanze geht. Eine gute Überleitung. Denn:

Dann gibt’s da noch diese typischen Geilstellen – also Bereiche, die von den Pferden stehen gelassen werden. Die werden von Menschen oft als „saftig und gesund“ angesehen, dabei meiden die Pferde sie nicht ohne Grund: zu nährstoffreich, gestresst, überdüngt. Häufig entstehen diese Geilstellen, wenn Flächen nicht abgeäppelt werden. Ein eindeutiges Zeichen ist sonstiger radikaler Kahlschlag. Auf dem Podcastcover zu dieser Folge siehst du ein ganz extremes Beispiel von Geilstellen. Die gesamte restliche Fläche ist bis auf die Wurzeln runtergenagt. Die Aussage „Da steht doch noch was, das sollen die erstmal fressen“ ist also gefährlich und gesundheitlich schädlich. Bitte fix die Fläche wechseln oder Heu zufüttern.

Ein ganz eigener Punkt – Hufrehe. Vor allem die endokrine Hufrehe. Gerade bei stoffwechselauffälligen Pferden oder Ponys ist das Risiko in der Weidesaison besonders hoch.

Und: Achtung vor Übergewicht! Viele Pferde legen während der Weidezeit ordentlich zu. Besonders wenn die Bewegung nicht gleichzeitig angepasst wird. Fresszeiten begrenzen, Bewegung gezielt erhöhen – und ja, auch mal zur Fressbremse greifen. Es kommt absolut auf das individuelle Pferd an. Pauschal würde ich aber sagen: Ein Pferd auf der Weide mit reduzierter Fressmöglichkeit durch die Fressbremse, aber der Möglichkeit, mit der Herde auf großen Flächen unterwegs zu sein, ist mir persönlich lieber, als ein separiertes Pferd auf einer kleinen Fläche. Wie gesagt: Das ist immer individuell!

Beobachte dein Pferd auf der Weide: Macht es auch mal eine Fresspause? Hat es ein Sättigungsgefühl? Oder liegt eine Stoffwechselentgleisung vor und das Pferd hört einfach nicht auf zu fressen?

Ein Tipp: Gewöhn dein Pferd schon frühzeitig an die Fressbremse, nicht erst dann, wenn’s dringend wird. Sonst hast du ein frustriertes Pferd UND ein Problem.

 

Meine Tipps für eine sichere Weidesaison

Jetzt aber zu den Dingen, die du tun kannst, um genau diese Risiken zu vermeiden – und trotzdem alle Vorteile der Weidezeit zu genießen:

  1. Vorsicht beim Flächenwechsel: Pferde sollten NICHT erst auf eine neue Weidefläche gebracht werden, wenn sie die alte Weide ratzeputze kahl gefressen haben. Das kurze Abnagen bis auf den letzten Zentimeter stresst das Gras und den Verdauungstrakt. Viele Pferde fressen dann Sand mit, was zu einer Sandkolik führen kann. Außerdem ist das kurze, nachschießende Gras recht zuckerhaltig. Das Zupfen des kurzen Zeugs kann zum Anschwellen der Ohrspeicheldrüsen führen.
  1. Anweiden – und zwar auch, wenn es Flächenwechsel gibt. Auch wenn dein Pferd schon „eingewöhnt“ ist: Sollte das Pferd doch länger auf einer super kurzgefressenen Wiese stehen, gilt für den Wechsel auf eine Wiese mit anderem oder sehr hohem Gras eigentlich wieder das gleiche, wie zu Beginn der Weidezeit: Anweiden! Nicht mehr ganz so langsam, aber eine Umstellungszeit hilft. Ich kenne einen Stall, indem der Flächenwechsel von (zu) kurz auf lang angekündigt wurde, aber ein langsames Umstellen nicht erfolgte. Die Pferdebesitzer hatten die Tierärztin schon vorgewarnt. Der traurige „Rekord“: 11 Koliken an einem Abend.
  2. Fressbremsen sind kein Feind, sondern ein wertvolles Tool – vor allem bei leichtfuttrigen Pferden. Sie erlauben längere Weidezeiten bei kontrollierter Futteraufnahme.
  3. Wasser checken. Und zwar täglich. Auch als Einsteller solltest du regelmäßig einen Blick in den Trog werfen – ist das Wasser sauber und in ausreichender Menge für alle Pferde vorhanden? Je nach Größe des Ponys oder Pferdes werden pro Nase täglich 30 bis 50 Liter Wasser benötigt. Also macht am besten einen Plan im Stall, wer wann nach dem Wasser schaut.
  4. Für Schatten und Rückzugsorte sorgen – oder zumindest gezielt Weidezeiten auf die frühen Morgenstunden oder den späten Abend legen, wenn kein Unterstand vorhanden ist.
  5. Weiden regelmäßig ablaufen. Giftpflanzen entfernen (und in den Restmüll werfen, nicht auf den Misthaufen), Geilstellen vermeiden, indem abgeäppelt wird. Und natürlich regelmäßige Weidepflege nach Bedarf: Mulchen, kalken, düngen, nachsäen…

Und ganz wichtig: Beobachte dein Pferd! Veränderungen im Verhalten, an den Hufen oder beim Fressverhalten können erste Anzeichen für Probleme sein.

 

Die Weidezeit auf Gras ist schön – aber ein Ganzjahreskonzepte sind besser

Ich hab’s ja vorhin schon kurz erwähnt: Noch schöner als die Weidesaison finde ich es, wenn Pferde ganzjährig möglichst naturnah leben dürfen.

Weidezeit ist super – aber sie darf nicht der einzige Zeitraum sein, in dem ein Pferd wirklich Pferd sein darf.

Und damit das klappt, lohnt es sich, schon jetzt einen Blick Richtung Herbst und Winter zu werfen. Wie können Flächen clever genutzt werden? Was muss umgestaltet werden, damit auch ab den Matschmonaten noch Bewegung, Sozialkontakt und Struktur möglich sind?

Wenn die Stallbesitzer mitmachen und sich bereiterklären, ein paar Meter Weide zu opfern, ist meine absolute Lieblingsoption: Laufwege! Die dürfen nicht zu eng sein und sollten keine spitzen Ecken haben. Aber alleine die Möglichkeit, einmal außen um die Weide rum einen Laufweg mit einem Zaun abzutrennen, bietet ganzjährig die Möglichkeit, sich zu bewegen. Das ist so wertvoll! Natürlich gibt es noch verschiedene Optionen, Böden zu befestigen. Beispielsweise mit Paddockplatten, Kies, Kunstrasen… Aber am wichtigsten ist einfach – zumindest für mich: Bewegung! Ich verstehe ganz ehrlich nicht, wie viele Pferde unbeschadet den Winter überleben. Teilweise mit 22 Stunden am Tag in der Box, was sowohl für die Atmung, als auch den Bewegungsapparat als auch die Verdauung super schädlich ist. Vom mentalen Aspekt mal abgesehen.

In der Podcastfolge zu diesem Artikel (scroll nochmal ganz hoch, da findest du ihn zum Anhören), gibt Christina vom Team-HUF nun ein paar konkrete Tipps, was du für mehr Bewegungsanreize und eine ganzjährig artgerechte Haltung anpassen kannst. Ab Minute 21 hörst du ihre Tipps. Oder schau doch mal in das neuste Buch vom Team-HUF „Ponyglücksmomente“. Dort findest du noch viel viel mehr. Und: Ich durfte dort auch einen Beitrag schreiben, zum Thema „Sinneswahrnehmung in der Pferdehaltung“ – also schau gern mal rein!

Und jetzt: Frohe Weidesaison für dich und dein Pferd!
Viele Grüße

Steffi